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Präzisionslandwirtschaft als Zukunftsmodell

„Mit Präzisionslandwirtschaft können wir der Natur und den Böden zurückgeben, was wir ihnen entnehmen. Das ist echte Nachhaltigkeit. Wir zeigen, dass wir mit unserem Eigentum verantwortlich umgehen.“ Das ist das Credo von Dr. Hartwig Kübler, der gemeinsam mit seiner Frau Iris und dem Betriebsleiter Julius von der Decken den „Gutshof Raitzen“ zwischen Leipzig und Dresden bewirtschaftet. Auf insgesamt 2.300 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche – wovon etwa die Hälfte der Fläche in Dienstleistung für andere Betriebe bewirtschaftet wird – setzen sie modernste digitale Technologien ein, um Düngung und Pflanzenschutz zentimetergenau und mit möglichst wenig Bodenbearbeitung und Dieseleinsatz auszubringen. Mithilfe von Sensorik und GPS kann die Nährstoffversorgung teilflächenspezifisch überprüft und angepasst werden. „Das ist wirtschaftlich sinnvoll, weil es Kosten spart. Und es ist ökologisch sinnvoll, weil es die Böden schont und den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln auf das Nötigste reduziert“, erläutert Kübler. Die neue Düngeverordnung empfindet Kübler, dessen Betrieb in einem roten Gebiet liegt, in dieser Form als nicht gerechtfertigtes Misstrauensvotum der Politik. „Die Auflage, 20 Prozent unter Bedarf zu düngen, ist auf unserem Betrieb nicht nachzuvollziehen. Für die Bodenfruchtbarkeit kann dies sogar nachteilig sein“, so Kübler.

Der Betrieb hat dafür in moderne Maschinen und Digitalisierung investiert: pneumatischer Exaktdüngerstreuer, Stickstoffsensor, Software zur Erstellung von Applikationskarten, Aussaat und Bodenbearbeitungstechnik mit Unterfußdüngung sowie eine Reifendruckregelanlage. Daher fordert Kübler: „Wer in Nachhaltigkeit investiert, sollte dafür auch honoriert werden.“ Dazu könnte es helfen, einen Mindeststandard für Präzisionslandwirtschaft zu entwickeln und zu definieren. Dazu könnte zum Beispiel die digitale Informationsbeschaffung auf der Fläche und die teilflächenspezifische Düngung und Nährstoffversorgung gehören. Auch Transparenz, Dokumentation und Kontrolle müssten Bestandteil eines Standards sein. Ein solcher Standard könnte die Grundlage für eine Honorierung oder auch für die Befreiung von Auflagen sein. Kübler erwartet, dass dies den Anreiz für Landwirte oder für Zusammenschlüsse von Landwirten erhöhen würde, in nachhaltige Technologien zu investieren. Zugleich ist er der Überzeugung: „Je mehr wir als Landwirte nachweisen und dokumentieren können, dass wir natur- und bodenschonend arbeiten, desto mehr Freiheit können wir von der Gesellschaft bei der Bewirtschaftung unseres Eigentums einfordern“.

Julius von der Decken ist vor drei Jahren auf den Betrieb gekommen. Der Landwirt kann mittels der gesammelten Informationen aus Bodenbeprobung und Sensorwerten von seinem Laptop aus Vorgaben für die einzelnen Schläge zur teilflächenspezifischen Düngung geben und mit seinen Mitarbeitern eine zielgenaue Bewirtschaftung gewährleisten. Die insgesamt 5 Mitarbeiter gehen diesen Weg motiviert und mit hohem Sachverstand mit. „Wenn man modernste Technik hat und effektiv einsetzen möchte, braucht man Mitarbeiter, die sie bedienen können“, erläutert er. Optimierungspotential sieht er bei der Verknüpfung analoger und digitaler Informationen. „Jede manuelle Datenübertragung ist eine potentielle Fehlerquelle. Auch die Übermittlung per USB-Stick ist fehleranfällig und kostet Zeit. Unser Ziel ist daher eine vollautomatische Datenerfassung und -übermittlung.“ Dabei kommt dem Gutshof Raitzen zugute, dass er ein Modellbetrieb der 5G-Modellregion rund um die Technische Universität Dresden ist. Gemeinsam mit dem Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und dem Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) und mithilfe von Bundesmitteln wird hier an digitalisierten Anwendungen für die Landwirtschaft geforscht.

Der Gutshof Raitzen zeigt, dass Präzisionslandwirtschaft ein Weg für eine nachhaltige Landwirtschaft sein kann. Damit kann die Debatte zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft um eine zukunftsweisende Komponente ergänzt werden. Küblers Fazit: „Wir sprechen uns nicht für oder gegen eine Bewirtschaftungsform aus. Wir wollen Lösungen aufzeigen.“

Fabian Wendenburg 

 

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