Skip to main content

Albrecht Wendenburg gehörte dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Agrarfragen (AfA) von ihrer Gründung im Frühjahr 1990 bis zum Jahr 2020 an. Von 1999 bis 2017 war er als Vorsitzender ihres Vorstandes „Gesicht und Stimme“ der aus der damaligen Sowjetischen Besatzungszone vertriebenen Inhaber land- und forstwirtschaftlicher Betriebe, deren Vermögen während der dortigen stalinistischen Bodenreform völkerrechtswidrig und entschädigungslos konfisziert worden war, und ihrer Familien.

Albrecht Wendenburg selbst entstammte einer solchen Familie aus Seeburg im heutigen Sachsen-Anhalt. Dort hatten seine Vorfahren eine der größten, modernsten und bestgeführten Landwirtschaften der preußischen Provinz Sachsen aufgebaut, beständig erweitert und von Generation zu Generation weitergegeben. Großvater und Vater waren selbst bei den Kommunisten hochgeachtet. Albrecht Wendenburg war drei Jahre alt, als seine Eltern mit ihren Kindern, gewarnt von Mitarbeitern, der Verhaftung und Internierung durch die Kommunisten durch abenteuerliche Flucht in die britische Besatzungszone entgehen konnten.

Die Flucht in den Westen ging - wie bei allen anderen Flüchtlingen und Vertriebenen - einher mit der „Verschiebung auf der sozialen Landkarte“: seine Eltern mittellos, ihrer beruflichen und damit ihrer Existenzgrundlage beraubt, die beruflichen Netzwerke zerstört. Während Heimat und Besitz verloren waren, war eines gewonnen: Freiheit! Albrecht Wendenburg konnte dann geschützt von den Freiheitsgrundrechten der jungen Bundesrepublik in Calenberg, wo sein Vater auf dem Stammsitz der Welfen ein Anstellung gefunden hatte, aufwachsen. Er studierte dann Jura. Nach dem Ende seiner juristischen Ausbildung stellte er seine Arbeitskraft zunächst in den Dienst der „res publica“. Er machte als Richter und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landtag Niedersachsens Karriere und erwarb die Qualifikation zum Richter am Oberlandesgericht. 1980 vollzog er eine Kehrtwende. Er ließ sich als Rechtsanwalt zulassen und wurde Partner in einer Sozietät von nur am Oberlandesgericht Celle zugelassenen Rechtsanwälten. Berufungsverfahren wurden sein Metier – eine große Kunst. Er saß nicht mehr als Richter über den Prozessparteien, sondern musste stehend vor deren Richtern plädieren – ein bedeutsamer Wechsel der Perspektive! In den Jahren 1990 bis 2012 war er zugleich als niedersächsischer Notar zugelassen. Seiner Sozietät blieb er bis zu Deinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr als Partner treu. Gemeinsam mit seinen Partnern schmiedete er eine der größten überregionalen Rechtsanwalts- und Steuerberatersozietäten Niedersachsens. So hat er Jüngeren eine berufliche Perspektive geschaffen und den immensen Wandel seiner Profession vom freien Beruf zum großen Rechtsberatungsunternehmen mitgestaltet. Dies ist nur dem möglich, der aufrichtig, auf Augenhöhe und partnerschaftlich mit anderen umgeht, ihnen treu ist, sich selbst zurückzunehmen versteht und zugleich ein gründlicher, unermüdlicher, umsichtiger und deswegen erfolgreicher Interessenvertreter ist.

Zu seinen bleibenden Verdiensten gehört das bereits 1991 von ihm im Auftrag der AfA erstrittene 1. Bodenreformurteil des Bundesverfassungsgerichts. Dieses verpflichtete den Gesetzgeber zu Ausgleichsleistungen für alle Vermögenskonfiskation zwischen 1945 und 1949. 1994 gelang seinem Vorgänger, Adolf Frhr. v. Wangenheim und ihm im engen Schulterschluss mit den damaligen Grundbesitzerverbänden die politische Durchsetzung des Ausgleichsleistungsgesetzes mit einem Flächenerwerbsprogramm für die vormaligen Inhaber land- und forstwirtschaftlicher Betriebe in der ehemaligen DDR und deren Nachfahren sowie die späteren Flächenerwerbsänderungsgesetze. Gegenüber unseren Staatsorganen und in zahlreichen Veröffentlichungen hat er sich unermüdlich für die Belange der von Bodenreform und Restitutionsausschluss Betroffenen eingesetzt. In der Mitgliederversammlung der Familienbetrieben Land und Forst hatte sein Wort zu diesen Themen Gewicht. Die AfA hat er bestimmt geführt und zusammengehalten. Ihren Mitgliedern war er ein geschätzter Ratgeber.

Es hat ihn als ehemaligen Richter - wie er selbst schrieb auch selbstkritisch - umgetrieben, dass es in unserem Rechtsstaat weder politisch noch juristisch gelang, den im Rahmen der Wiedervereinigung im Grundgesetz verankerten Restitutionsausschluss für die zwischen 1945 und 1949 konfiszierten Vermögen, soweit sie 1990 Volkeigentum der DDR waren, zu verhindern und die fortdauernde Diskriminierung der seinerzeitigen Betriebsinhaber und ihrer Nachfahren, vollständig zu beseitigen.

Der vom Staat mitverschuldete unaufhaltsame Verfall des Schlosses Seeburg nach Verkäufen an Investoren machten ihn traurig bis wütend. Er empfand es dennoch als glückliche Fügung, dass er zwei schöne Forste erwerben konnte.

Unsere Gedanken gelten seiner Familie, die seine Verbandsarbeit stets mitgetragen und einen wunderbaren Familienmenschen verloren hat. Wir nehmen in Dankbarkeit und tiefer Verbundenheit Abschied von einem großartigen Menschen, der die AfA in hohem Masse geprägt hat. Seine Arbeit wird die AfA in Gedenken an ihn auch weiterhin fortsetzen.

Arbeitsgemeinschaft für Agrarfragen

Der Vorstand