Skip to main content

Im Gespräch mit Ole Seidenberg von Skyseed

Foto: Laurent Hoffmann

Was ist Euer Ziel mit Skyseed?

Im Kern geht es uns darum, zur Aufforstung mit Setzlingen eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Ergänzung anzubieten, die mit dem Tempo der Klimaveränderungen Schritt halten kann. Ganz konkret: Die Aussaat pelletierter Forstsaaten mit Drohnen: Dabei imitieren wir quasi den Prozess der Naturverjüngung, nur eben auch mit Baumarten, die angesichts der klimatischen Entwicklungen in einer Region zukünftig Sinn machen, aber noch nicht natürlich vorkommen. In einer typischen Fichtenkalamitätsfläche kommt ja meist außer Fichte von den umliegenden Flächen und evtl. noch etwas Birke erstmal kaum etwas anderes über die Naturverjüngung, da beschleunigen wir die nötigen Prozesse. Sowohl die CO2-Speicherleistung als auch alle anderen Ökosystemleistungen des Waldes sind im Wettlauf gegen den Klimawandel nicht wegzudenken. Wir beobachten, dass viele Waldbesitzer*innen längst auf dem Weg sind, ihren Wald auch diesbezüglich auszurichten. Wir brauchen aber skalierbare Lösungen, um mit der Wiederaufforstung einerseits, und dem Waldumbau andererseits, angesichts der großen Kalamitätsflächen überhaupt noch hinterher zu kommen. 

Gleichzeitig möchten wir die praktischen waldbaulichen Bedürfnisse der Forstbetriebe bedienen. Deshalb haben wir bei Drohne und Pellet nicht nur das langfristige Zielbild gesunder Mischwälder im Blick, sondern auch Fragestellungen wie Verbring- und Verbissschutz, die Aussaat unter Schirm, in abgestorbenen Beständen, oder den schnellen Aufbau eines Vorwalds zur Flächensicherung.

Ihr habt gar keinen Förster im Team, wie kommt Ihr darauf, Aufforstung per Drohne anbieten zu wollen?

Zugegeben: Wir drei Gründer haben keinen forstlichen Hintergrund, sondern kommen aus den Themenfeldern Technologie und Klimaschutz. Wir antworten deshalb gern: Wir sind mehr denn je darauf angewiesen, interdisziplinär zu denken und zusammenzuarbeiten. Unsere Lösung braucht z.B. Kompetenzen aus den Bereichen Bodenkunde, Saatgut, Forst, Drohnen, Machine Learning, CO2-Markt, Mechatronik, es gab einige juristische Nüsse zu knacken usw. usf. Insofern: wir haben zum Glück 13 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für uns gewinnen können, die fachlich tief im jeweiligen Thema stecken.

Auf die Idee kamen wir aber ehrlicherweise im Sommer 2017, als viele Wälder, auch für uns klar erkennbar, unter der großen Trockenheit litten. Auch wenn wir beruflich nicht direkt in der Forstwirtschaft gelandet sind, sind wir in Kindheit und Jugend doch in den Wäldern im Odenwald und Spessart aufgewachsen und fühlen uns seit jeher eng verbunden mit der Natur dort, die sich in den letzten Jahren deutlich verändert. 

Wir haben viele Flächen in Deutschland, aber zu welchen passt denn Euer Verfahren?

Vorneweg, weil wir das sehr oft gefragt werden: Unsere Lösung ist kein Allheilmittel. Auch unsere Pellets brauchen ein gutes Bejagungskonzept und auf vollständig geräumten, sonnenbeschienen Flächen ist aller Anfang schwer.

Und dennoch: Die Drohne eignet sich für weit mehr Anwendungsgebiete als wir selbst zunächst gedacht hätten. Am deutlichsten werden die Vorteile der Drohne selbstredend auf großen zusammenhängenden Flächen, die idealerweise auch noch frisch geräumt oder anderweitig bodenverwundet sind, was den Anwachserfolg natürlich erhöht. Da unsere Drohne nur knapp 20-30 Minuten für einen ganzen Hektar Aussaat benötigt, kommen wir so ohne weiteres auf 10-15 Hektar Fläche pro Tag.

Neben den großen Flächen können wir aber auch schwerer zugängliche Gebiete wie Steillagen befliegen, der alpine Bereich ist denkbar, genauso wie Auenwälder und Feuchtgebiete. Wir können über dem Schirm bspw. leicht bestockter Kiefernwälder oder toter Fichtenreviere fliegen und Untersaaten einbringen, sogar dort wo ein Betreten oder eine Befahrung aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen nicht mehr gestattet ist. Wir bekommen derzeit erfreulich viele Anfragen von Waldbesitzer*innen, die ihre Monokulturen schrittweise ergänzen wollen. In diesem Fall ist die Begleitvegetation und evtl. auch eine Bodenverwundung von großer Bedeutung, das schauen wir uns von Fall zu Fall gemeinsam vor Ort an. Unsere Pellets sind speziell dafür entwickelt worden, den Keimungs- und Anwachserfolg auch auf schwierigen Flächen im Vergleich zu „nacktem" Saatgut deutlich zu erhöhen.

Viele schwören bei der zunehmenden Trockenheit ja eher auf Container-Pflanzen, welche Vorteile seht Ihr bei Euch?

Jedes Verfahren hat seine Daseinsberechtigung und ist unter bestimmten Bedingungen anderen Verfahren vorzuziehen, hier beraten wir auch gerne, denn wie eingangs bereits erwähnt, sehen wir die Drohnensaat keineswegs als Allheilmittel oder Ersatz, sondern als Ergänzung.

Mehrjährige Container-Pflanzen haben sicherlich ihre Berechtigung, allerdings schlagen natürlich die um ein Vielfaches höheren Initialkosten zu Buche. Unsere Überlegung ist einfach: die pelletierten Saaten keimen genau wie es die Natur vorgesehen hat, bilden ihre Wurzeln direkt am Standort aus, gewöhnen sich von der ersten Minute an die standorttypischen Bedingungen, bringen keinen fremdartigen Geruch mit sich, für den sich u.U. das Wild interessiert und es kommt nicht zu Pflanzschäden.

Unser größter Vorteil ist aber ganz klar die Geschwindigkeit, umso größer die Fläche, desto deutlicher wird der Vorteil. Theoretisch können wir mit einer Drohne einen Hektar in knapp 20 Minuten besäen, bei mehreren Drohnen kann man sich einfach ausrechnen, was hier möglich wird. Unsere Kunden können mit uns im Vorfeld Flächen auf einem Sattelitenbild einzeichnen und bspw. sagen: „Zielbestand bitte 100 Eichen dort, 300 Douglasien dort, oder 500 Küstentannen da hinten, horstweise, in Reihe oder durchmischt“ - und wir erledigen den Rest. Da wir natürlich erheblich mehr Saatgut ausbringen, als am Ende im Zielbild gewünscht, können sich die stärksten Schösslinge ausselektieren und dann in der folgenden Kulturpflege unterstützt werden.

Kann man Euch diesen Herbst noch testen?

Für den Herbst 2021 sind wir aktuell eigentlich schon ausgebucht. Aber wir freuen uns natürlich dennoch sehr über Anfragen und Rückfragen, spätestens im Frühjahr 2022 können wir gemeinsam loslegen. Und wer weiß: Vielleicht können wir Ihre Flächen mit einbinden, wenn wir ohnehin in der Region sind. Wenn Interesse besteht, bitte gern schnell melden unter aufforsten@skyseed.eco. Der Engpass ist aktuell eher die Saatgut-Beschaffung, also: Wer zuerst kommt...

Da du es gerade ansprichst, woher bezieht Ihre Eure Saaten?

Wir haben zu Forst-Saatgutproduzenten gute Kontakte aufgebaut, die im gesamten Bundesgebiet über zertifizierte Flächen verfügen und so eine ganz gute Versorgungssicherheit sicherstellen können. Dennoch betrifft natürlich auch uns die allgemeine Knappheit und die teilweise abnehmende Saatgut-Qualität, durch den Trockenstress wurde manchenorts deutlich weniger Stärke eingelagert. Hier sitzen wir ganz offensichtlich alle in einem Boot und freuen uns über die Mitwirkung der Forstbetriebe, etwa, wenn eigene Saat-Ernten vorhanden sind. Auch diese verarbeiten wir gerne weiter, pelletieren sie und nutzen sie direkt vor Ort.

Wie teuer wird das?

Für Herbst 2021 und Frühjahr 2022 bieten wir unsere Dienste den ersten 30 Kunden noch für stark reduzierte Pionier-Preise an und schließen mit unseren Kunden einen Kooperationsvertrag. Das heißt im Klartext: Wir berechnen zunächst nur die Selbstkosten, die uns durch Saat und Pellet entstehen. Eine Vergütung unserer Arbeit fällt nur dann an, wenn die Kunden mit dem Ergebnis auch wirklich zufrieden sind. Im Gegenzug können wir auf möglichst diversen Flächen Erfahrungen sammeln und erhalten das geschätzte Feedback der Kollegen.

Könnt Ihr auch Laubbäume?

Ja. Bis auf Kastanien werfen wir alles ab, was ein Baum werden möchte, also auch Bucheckern, Eicheln usw.

Inwiefern muss man als Waldbesitzer*in mitarbeiten?

Wir möchten den Erfahrungsschatz der Fachleute vor Ort keineswegs digital ablösen, sondern unser Angebot vielmehr integrieren. Oder anders gesagt: Wir sind darauf angewiesen, dass wir uns gemeinsam über Vorbestand, Flächen, Zielbilder, Baumarten der Zukunft und den Weg dorthin austauschen. Dafür kommen wir aktuell wo möglich immer auch persönlich vorbei. Ganz ehrlich: Dieser Teil unserer Arbeit macht auch am meisten Spaß. Danach darf dann die Drohne ihre automatisierte Arbeit verrichten.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg!