Skip to main content

Wo Derbysieger herkommen

Wenn Aline und Peter Rodde Besuch in ihrem Arbeitszimmer empfangen, wird in der kühlen Jahreszeit erst einmal ein gemütliches Feuer im großen Kamin entfacht. Die breiten Armsessel möglichst nah davor geschoben und heißer Tee angeboten. So richtig warm wird es in dem lichtdurchfluteten Arbeitszimmer mit dem weiten Blick über die Pferdekoppeln und Weinberge im Winter nur mit Kamin.

Peter Rodde mit einem Fohlen. Foto: F. Sorge

Seit 1999 bewirtschaften die beiden mit viel Engagement ihren Familienbetrieb: das Vollblut-Gestüt Westerberg bei Ingelheim in Rheinland-Pfalz. „Dieses Gestüt mit all seinen historischen Gebäuden zu erhalten und wirtschaftlich auf solide Füße zu stellen, ist unsere Lebensaufgabe“, erzählt Aline Rodde voller Energie. Denn zahlreiche Erhaltungsaufgaben hält die Hof- und Gestütsanlage mit 220 ha Acker- und Weideland bereit, die sie von ihren Eltern zuerst gepachtet und schließlich geerbt hat.

 

Vieles musste zeitgleich und ohne Aufschub passieren: ob Herrichten der eigenen Wohnung, Pflegen der Boxen und Koppeln, Bestellen der Felder oder die Versorgung der rund 80 Pferde und Fohlen, darunter 16 eigene. Alle mussten kräftig mitanpacken, auch die drei Kinder. „Das war zu Beginn eine harte Zeit“, schildert Aline Rodde. „Mit Glamour hatte das wenig zu tun.“ Dafür aber mit viel Passion für Pferde und für die Zucht Englischer Vollblüter.

 

Dass sie das elterliche Gestüt Westerberg einmal leiten würden, damit hatten Aline und Peter Rodde nach ihrem Landwirtschaftsstudium in Göttingen überhaupt nicht gerechnet. Stattdessen planten sie anderweitig im landwirtschaftlichen Bereich tätig zu sein, ob in der Beratung oder als aktiver Pächter auch im Ausland. Aber als sich ein paar Jahre später die Frage stellte, das Gestüt zu verkaufen oder es selbst in die Zukunft zu führen, zögerten sie nicht lange. Sie gingen das Risiko ein – und wie sich nach 18 Jahren zeigt – mit großem Erfolg. Mittlerweile haben sie in der Branche einen festen Platz und die Nachkommen ihrer Zucht starten teils sehr erfolgreich in vielen Galopprennen rund um den Globus. Die beste Visitenkarte für ein Vollblut-Gestüt.

 

Damit führen sie eine lange Tradition fort. Denn das Gestüt, das 1912 von Aline Roddes Urgroßvater Heinrich von Opel gegründet wurde, hatte mehrere überragend erfolgreiche Rennpferde; auch Derbysieger hervorgebracht. Für seine Urenkeltochter, die eine begeisterte wie erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin ist, und ihren Mann kam ein wesentlicher wirtschaftlicher Erfolg 2011 auf Deutschlands Elite-Jährlingsauktion in Baden-Baden. Der einjährige schwarzbraune Hengst aus der BOCCASSINI von TEOFILO aus einer Gemeinschaftszucht mit Sheik Mohammed al Maktuum’s Unternehmung DARLEY wurde Salestopper, also das teuerste Pferd dieser Auktion. Für die neuen Besitzer hat sich das ausgezahlt: „Broughton“ ist bei internationalen Rennen auf der Siegerspur.

 

„Uns hat dieser Verkaufserlös riesig gefreut. Spitzenpreise sind natürlich nicht die Regel“, erläutert Peter Rodde. Bei Auktionen sind die Verkaufsergebnisse nicht im Voraus kalkulierbar. „Da gibt es enorme Schwankungen, die eine unternehmerische Planung riskant machen.“ Gefeiert haben Roddes ihren Erfolg gemeinsam mit ihren sechs Mitarbeiter im Stil eines Erntedankfestes. Auf familiäre Atmosphäre wird viel Wert gelegt. „Nur mit unserem besonders stark engagierten Team ist so etwas zu schaffen.“ Und ihre Bilanz lässt sich sehen: Aus jedem Jahrgang gingen bisher 1-2 international erfolgreiche Rennpferde hervor; aus dem jüngsten Jahrgang 2015 gibt es bereits 5 Sieger.

 

Aline und Peter Rodde. Foto: F. Sorge

In dem Betriebszweig Vollblutzucht ist ausdauernde Konzentration gefragt. „Wir tun alles, um charakterfeste, leistungsstarke und frühreife Rennpferde zu züchten und sie gesund zu erhalten“, erklärt Peter Rodde. „Die meisten Pferde halten wir dienstleistend für unsere Züchter ohne eigene Scholle“. Dazu braucht es neben exzellenten Kenntnissen rund um die Pferdezucht viel Einfühlungsvermögen und Gespür für die Befindlichkeiten dieser Pferde. Denn Englische Vollblüter sind nicht nur schnell und temperamentvoll, sondern auch besonders intelligent und sehr sensibel. „Behandelt man sie mit viel Zuneigung und Respekt schafft dies für die spätere Rennkarriere eine wichtige Vertrauensbasis“, erläutert Peter Rodde, der in Fachkreisen als Pferdeflüsterer gilt. Jeden Morgen und Abend werden seine Schützlinge einzeln angeschaut. Er ist bei jeder Fohlengeburt dabei, die fast immer nachts stattfindet. „Die Arbeit mit Pferden macht uns glücklich.“

 

Englische Vollblüter sind die schnellsten Pferde der Welt und sind eine speziell für den Galopprennsport gezüchtete Pferderasse. Das Fell ist meist braun oder fuchsfarben. Die Bedeckung der Mutterstute durch den Deckhengst erfolgt ausschließlich im Natursprung. Sonst dürfen ihre Nachkommen nicht auf der Galoppbahn starten. Das wichtigste Zuchtleistungsrennen ist nach dem 12. Earl of Derby benannt, der 1780 eines der ersten Galopprennen in England organisierte. So strömen in jedem Jahr am 2. Sonntag im Juli mehr als 30.000 Menschen nach Hamburg-Horn, wo das deutsche Galopp Derby ? ausgeschrieben für 3-jährige Stuten und Hengste ? über 2400 m ausgetragen wird.

 

„Rennpferde müssen sich bewegen und brauchen viel Platz zum Laufen“, betont Aline Rodde. Deshalb sind die Pferde vom Gestüt Westerberg in der Regel Tag und Nacht auf den Weiden des weitläufigen Plateaus. Die Herden sind in kleinere Gruppen eingeteilt. So leben meist sechs bis acht Stuten mit ihren Fohlen zusammen. Sie beherbergen Pensionspferde zur Zucht, Aufzucht und Rekonvaleszenz sowie Rennpferde während der Winterpause. Die Aufgaben sind vielfältig. Sie reichen von der Haltung der Zuchtstuten mit Abfohlen, Aufzucht, Füttern und Pflegen bis hin zum Auswählen der Deckhengste, Vorbereiten der Auktionen und dem Pre-Training. Dabei werden Fohlen u.a. daran gewöhnt, ein Halfter zu tragen oder sich striegeln zu lassen. Um das enorme Arbeitspensum zu meistern, unterstützt sie seit drei Monaten Ines Rottwilm als neue Gestütsleiterin.

 

Den Betrieb wollen Roddes in den kommenden Jahren so gut wie möglich für die nächste Generation aufstellen. „Wir würden uns riesig freuen, wenn eines unserer Kinder später einmal den Betrieb weiterführt“, sagt Aline Rodde strahlend. Die Leidenschaft für Pferde und das Reiten teilen jedenfalls alle drei. Der 19-jährige Sohn macht zudem gerade eine landwirtschaftliche Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern. Zusätzlich zum Gestüt mit seinen 70 ha Grünland bauen sie auf 150 ha Raps, Weizen, Gerste und Hafer an. Das Futter für die Pferde kommt überwiegend aus eigener Produktion. Die Böden sind fruchtbar, lediglich ist der Standort einer der trockensten in West- Deutschland mit 500 mm Jahresniederschlag. Deshalb steht eine Bewässerungsanlage ebenso auf der Investitionswunschliste wie ein Holzhackschnitzel-Heizwerk. Peter Rodde lacht: „Dann wäre der Kamin im Arbeitszimmer künftig nur noch Dekoration.“

Weitere Informationen zum Gestüt unter www.gestuet-westerberg.de